
Der folgende Text entstammt dem Katalog zu "Alles wieder anders" , eine Foto-Ausstellung des Ruhrmuseums auf Zollverein in Essen. Die sehenswerte Ausstellung zeigt Bilder des Strukturwandels im Ruhrgebiet der 70er-90er Jahre, und ich wurde gebeten einen Text zum Thema Jugend- und Clubkultur beizutragen.
Nach meiner ersten Schicht als DJ im 1985 gerade neu eröffneten Club „Logo“ in der Bochumer Innenstadt sagte mir einer der Inhaber, das sei schon sehr schön gewesen, aber ich könne ruhig musikalisch noch „etwas extremer“ werden, quasi passend zum nicht nur für damals – gelinde gesagt – ungewöhnlichen Ambiente. Die Einrichtung stammte beinahe komplett aus dem Baumarkt, die Tresen waren aus Gerüstelementen und Metallgittern zusammengeschraubt und getanzt wurde in einer Art Käfig.
Bis in die frühen 80er Jahre hinein waren im Ruhrgebiet Clubs, wie wir sie heute kennen, also als Orte der Kreativität, schlichtweg nicht existent. Discotheken waren relativ uniformiert eingerichtet – Hauptsache, es glitzert! – und die Musik hatte sich nach dem Geschmack der anwesenden Gäste zu richten. Der DJ war ein simpler Dienstleister. Das begann sich nun mit Clubs wie dem Logo und einigen anderen zu ändern, nicht zuletzt dadurch, daß man ein Musikprogramm vorgab, um den Club zu definieren und so das gewünschte Publikum anzulocken. In unserem Falle sollte das so gut funktionieren, daß der Laden nicht nur ausgezeichnet lief, sondern auch eine gewisse überregionale Bedeutung erlangte, indem er etwa mehrfach in Musikmagazinen wie der Kölner SPEX zum besten Club im Westen gewählt wurde.
Derart von der Leine gelassen konnte ich meinen Musikgeschmack nach Herzenslust in alle Richtungen wuchern lassen, was zumindest einer der Gründe dafür war, daß der Laden ein Biotop für alle möglichen Jugendbewegungen war, mit stets fruchtbarem Nährboden für neue. Neben den üblichen Szenegestalten waren das anfangs in erster Linie die Gothics (damals noch ein wenig abfällig ‚Gruftis’ genannt). Ihre Helden waren Robert Smith und Andrew Eldritch, also trugen sie ausschließlich schwarze Klamotten und strubbelige schwarze oder bunte Haare. Natürlich schlichen sie nicht wirklich nachts auf Friedhöfen herum, aber sie taten auch nicht gerade viel, um dieses Image loszuwerden. Mit ihren Verwandten, den Industrial-Fans hatten sie eines gemeinsam – sie tanzten nicht sonderlich sexy.
Die Hiphopper waren das komplette Gegenteil. Statt spitzer Stiefel trugen sie ausschließlich Sneaker, dazu entweder bunter Streetwear von angesagten Skate-Labels oder Adidas-Trainingsjacken, manche sogar –Anzüge. Von Nichthiphoppern wurden sie deshalb schon mal als „Sportverein“ verspottet. Neben Musik und Klamotten (und Grassrauchen) bestand ihre größte Leidenschaft darin, auch den letzten Quadratzentimeter Toilettenwand mit ihren Tags zu überziehen. Irgendwann liessen wir sie einfach gewähren.Auf eine weitere Gruppierung passte eigentlich nur der britische Begriff des „Grebo“. Da der sich aber hier nie durchsetzte, nannten wir sie intern einfach „die Langhaarigen“. Sie trugen Leder, Stiefel und Band-Shirts, bändigten ihre langen Haare mit Bandanas und manchmal hatten ihre Jacken sogar Fransen. Sie mochten straighten Hardrock von Cult und Guns’n’Roses, aber auch den gerade aufkommenden Grunge, und wenn sie tanzten, sah man nichts als Haare. Viele kamen nicht aus Bochum, sondern ganz NRW, und wenn sie einmal da waren, blieben sie auch bis zum frühen Morgen, um dann noch im Café Sachs zu frühstücken.
Das Faszinierende an der ganzen Geschichte war, daß trotz der Verschiedenheit all dieser in sich homogenen Gruppen, trotz all ihrer jugendlichen Ungezügeltheit sechs Jahre lang ein friedliches Nebeneinander herrschte. In den meisten Clubs gehörte das eine oder andere Scharmützel durchaus zur Tagesordnung, hier nicht. Man mag das der klugen Selektion an der Tür zuschreiben, die manchen Otto Normalverbraucher – zumal angetrunken oder in Gruppen – vorsichtshalber gar nicht das Innere des Clubs erblicken ließ. Aber das allein trifft es meiner Meinung nach nicht.
So verschieden die Gäste waren, es einte sie der Umstand, daß sie letztendlich die gleichen Interessen hatten. Sie wollten möglichst viel von ihrer gruppenspenzifischen Lieblingsmusik hören, tanzen, feiern, Freunde treffen oder kennenlernen und am Ende des Abends möglichst nicht alleine nach Hause gehen. Es herrschte ein Klima des gegenseitigen Respekts, weil man einander ähnlicher war, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte.
Und wegen dieses Klimas versieht man den Laden heute, 20 Jahre später, gerne mit dem Attribut legendär.
Die Fotos im Text sind nicht aus der Ausstellung.
Also Ralle! Wenn Du über unser aller Lieblingsclub schreibst, über unser emotio-soziales Epizentrum, über die Mutter allen Zeitstillstandes (denn es war immer "halb drei", auf ewig 2:30 in der Nacht, wenn die "Mother" über uns kam oder "Diane"), über groooße Augen, offene Ohren, lüsterne Nasen --- dann tu das doch gefälligst mit Herzblut* und nicht so bräsig wie'n Wiki-Eintrag. Ts.
AntwortenLöschen*If I could stick a knife in my heart
Suicide right on stage
Would it be enough for your teenage lust
Would it help to ease the pain? Ease your brain?
Du bist mir schon so'n richtigen Bräsigen, du!
AntwortenLöschenIch habe mich natürlich, wie es dem Thema angemessen ist, am lakonischen Stil von Nick Cohns Rock History " A Wob Bop A Loo Bop" orientiert.
Ich habe den Post nach Malle geschickt, du weißt schon, zu Claudia. Sie wird das sehr interessieren.
AntwortenLöschenAber wenn es doch für einen Ausstellungskatalog wahrscheinlich so gewünscht war ... Also mir hat noch am besten der Hinweis auf das Frühstück im Sachs gefallen. Damals. Puh. Aber heute ist's auch immer wieder schön http://www.revier-magazin.de/nachtleben-und-szene/595-logo-club-bochum
AntwortenLöschenDer Mann heißt übrigens Nik, so! Und das erste Wob wird mit p wie Perik geschrieben. Hehe.
AntwortenLöschen